Keine Rolle, sondern eine Kraft: Das Mutterarchetyp verstehen
*Dies ist der zweite Teil einer zweiteiligen Reflexion. Im ersten Teil erzählte ich meine persönliche Geschichte mit der Mutterwunde – einschließlich des Moments, als sich ein Drache in einer Heilsitzung in meine eigene Mutter verwandelte und was mir das offenbarte. Wenn du ihn noch nicht gelesen hast, findest du ihn hier. Dieser Teil knüpft dort an, wo der erste aufhörte: bei der Arbeit, die ich seitdem mit dem Mutter-Archetyp selbst geleistet habe.*
Wo es hier weitergeht
Als ich Mutter wurde, dachte ich, ich wüsste, worauf ich mich einlasse. Ich hatte die moderne Botschaft verinnerlicht, dass wir alles schaffen können – präsent sein, arbeiten, noch Zeit für uns selbst haben. Ich dachte, Muttersein wäre schwer, aber machbar. Schließlich hatte ich bereits echte Arbeit an meinen emotionalen Wunden geleistet. Sicherlich könnte ich das bewältigen und die Art von Mutter sein, die ich mir selbst gewünscht hatte.
Was ich nicht verstanden hatte, war, dass ich schon immer Teil des Ahnenfeldes gewesen war – und dass das Muttersein dies schonlos aufdeckte. Meine Großmutter hatte den Krieg und den Verlust ihres ersten Mannes durchlebt. Als meine eigene Mutter sieben Jahre alt war, musste die Familie aus ihrer Heimat fliehen und sich an einem völlig fremden Ort ein neues Leben aufbauen. Und ich war in gewisser Weise bei all dem dabei – bereits als kleiner Zellhaufen im Körper meiner Mutter vorhanden, lange bevor ich überhaupt bewusste Erinnerungen hatte.
Ich dachte, ich wüsste, wie ich Mutter sein wollte. Doch Mutter zu werden zeigte mir, wie viel weniger frei ich in meinem Handeln tatsächlich war, als ich geglaubt hatte. Immer wieder ertappte ich mich dabei, so zu reagieren, wie meine eigene Mutter reagiert hatte – oder durch etwas, das mein Kind tat, dermassen aus der Fassung und in grosse Emotionen gebracht, nur um dann zu erkennen, dass der Auslöser nichts mit meinem Kind zu tun hatte, sondern ausschließlich mit meiner eigenen Erziehung und den überlieferten Glaubenssätzen, die in meiner Ahnenlinie weitergegeben wurden. Nichts davon war neu. Es war schon immer da gewesen. Mutter zu werden machte es einfach sichtbarer.
Indem ich Mutter wurde, aktivierte ich eine Prägung. Nicht die der idealen Mutter, sondern jene, die ich allein dadurch geerbt hatte, dass ich die Tochter meiner Mutter war – geprägt von echtem, unbewältigtem Trauma. Für mich bedeutete Mutterschaft anfangs eine Strapaze: meine eigenen Bedürfnisse zu opfern, zu versuchen, alles zu kontrollieren, denn wie sonst hätte ich es schaffen sollen. Ich verlor mich selbst im Dienst an meinem Kind.
Trotz all der inneren Arbeit, die ich vor der Schwangerschaft geleistet hatte, zeigte mir die Mutterschaft, wie viel noch unerlöst war. Mehr als alles andere zeigte sie mir genau, wo ich anfangen musste, mich selbst zu bemuttern – bedingungslos. Dann begann ich, ganz bewusst mit dem Mutter-Archetyp zu arbeiten.
Was ist der Mutter-Archetyp?
In der Jungschen Psychologie ist der Mutter-Archetyp eines der universellsten Muster in der menschlichen Psyche – ein Symbol, das in Kulturen, Mythen und religiösen Traditionen präsent ist und Fürsorge, Mitgefühl, Fruchtbarkeit und die Weisheit des Weiblichen repräsentiert. Jung sah ihn als zentralen Bestandteil der Individuation: der lebenslangen Reise zur Ganzheit. Er zeigt sich sowohl in unserer eigenen Fähigkeit zu nähren und zu pflegen als auch in der Prägung, die unsere tatsächlichen Mütter und mütterlichen Figuren hinterlassen haben.
In dem Rahmen, mit dem ich arbeite – der die Jahreszeiten des Menstruationszyklus vier Archetypen zuordnet (Jungfrau, Mutter, Königin/Wilde Frau, weise Alte) – entspricht die Mutter dem Vollmond und dem Sommer: der voll ausgereiften, voll erblühten Phase, in der alles im Überfluss vorhanden ist und die Sonne ihre größte Kraft hat. Wo die Jungfrau dynamisch und nach außen gerichtet ist, hat sich die Mutter in etwas Stetigeres eingelebt – eine emotionale Reife, die es ihr erlaubt, zu geben und für andere zu sorgen, nicht aus Verpflichtung, sondern als Überfluss ihrer eigenen Fülle. Ihre Energie ist nicht so zielstrebig wie die der Jungfrau; sie strahlt mehr aus, als sie anstrebt. Sie erlebt die Welt durch ihre Sinne und ihre Gefühle, und dies ist eine Zeit der Fruchtbarkeit – des Empfangens, der Selbstdarstellung, des Gebärens, sei es Kinder oder Projekte oder Ideen.
Ihre Eigenschaften
In ihrer besten Form ist der Mutter-Archetyp die Quelle, die alles, was sie berührt – eine Familie, einen Garten, eine Gemeinschaft, ein kreatives Projekt – erhält und erneuert. Sie ist fast grenzenlos großzügig, empathisch, tief mitfühlend. Sie schützt das, was sie liebt, mit aller Kraft. Unter ihrer Wärme steckt echte Wildheit. Und sie findet wahren Sinn darin, für andere zu sorgen – obwohl, wie ich noch ausführen werde, genau dort auch ihr Schatten lebt.
Sie ist geerdet, stabil, warmherzig. Sinnlich und verkörpert, statt abstrakt. Sie besitzt eine stille Selbstsicherheit, ein Gefühl der Zugehörigkeit, Dankbarkeit für das Leben selbst. Sie schafft Raum für Verbindung – zur Gemeinschaft, zur Familie, zu den Menschen und Projekten, die sie liebt – ohne ihr eigenes Zentrum zu verlieren.
Wo der Schatten lebt
Jeder Archetyp hat eine Schattenseite, und die der Mutter ist eng mit ihrer größten Stärke verbunden: ihrer Fähigkeit zu geben.
Eine unbewusste Mutterenergie neigt zur Co-Abhängigkeit – eine ganze Identität, die darauf aufgebaut ist, anderen zu dienen, bis außerhalb dieser Rolle wenig Selbst übrig bleibt. Wenn du dies bei dir selbst erkennst, ist die Einladung nicht, aufzuhören, dich zu kümmern, sondern eine Identität zurückzugewinnen, die unabhängig von dem ist, um das du dich kümmerst. Die Rolle der „Mutter“ (sie es Mutter von Kindern, Projekten oder auch andere Menschen, um die du dich kümmerst) war niemals dazu bestimmt, dein ganzes Sein zu verschlucken.
Es besteht auch das Risiko, dass du dich dabei selbst aufgibst – deine eigenen Träume und Bedürfnisse als weniger wichtig behandelst als die anderer, was im Laufe der Zeit zu stillem Groll führt. Und da diese Großzügigkeit so sichtbar ist, kann sie auch Menschen anziehen, die sie ausnutzen. Genau deshalb sind Grenzen für den Mutterarchetyp so wichtig: nicht als Ablehnung ihrer fürsorglichen Natur, sondern als das, was diese tatsächlich schützt. Nein sagen zu lernen, die eigenen Bedürfnisse mit der gleichen Hingabe zu behandeln, die man anderen entgegenbringt, sich selbst aufzufüllen, bevor frau sie an alle anderen ausschüttet – dies steht nicht im Widerspruch zur Großzügigkeit der Mutterenergie. Es ist das, was sie nachhaltig macht.
Die Wunde unter diesem Schatten ist meist eine Version des Gefühls, nicht gehalten zu werden – die Angst, trotz allem, was man gibt, benutzt, verlassen oder übersehen zu werden. Wenn diese Angst das Zepter in der Hand hat, kann sie sich als emotionale Taubheit, Isolation, Härte gegen sich selbst oder andere oder eine starke Unabhängigkeit zeigen, die Hilfe ablehnt, selbst wenn sie angeboten wird. Der Weg hindurch ist nicht, mehr zu geben. Es ist, ehrlich zu fragen: Wo warte ich immer noch darauf, gehalten zu werden, und kann ich anfangen, mir das selbst zu geben?
Der Drache, noch einmal
Ich schrieb in meinem letzten Artikel über eine Heilsitzung, in der mir ein schwarzer Drache erschien – ein Druck, den ich, so lange ich denken konnte, im Kopf trug – und wie er sich in meine eigene Mutter verwandelte, erschöpft und ausgelaugt auf dem Boden.
Dieser Moment blieb bei mir. Er ließ mich eine Frage stellen, mit der ich immer noch ringe: Wie baue ich ein besseres Bild in mir auf, was es bedeutet, Mutter zu sein – eines, das nicht nur vererbt, sondern bewusst gewählt ist?
Einiges, was geholfen hat: mich den alten Geschichten, Mythen und Bildern der Göttin in verschiedenen Kulturen zuzuwenden. Bewusst eine innere Mutterfigur aufzubauen, die fürsorglich und mitfühlend ist, anstatt erschöpft und überfordert. Und ehrlich zu sein, welche Eigenschaften dieses Archetyps mir derzeit fehlen – für mich sind das oft Ruhe, Lust und Leichtigkeit – und ihnen bewusst mehr Raum zu geben.
Einige Fragen und Übungen
Wenn du deine eigene Beziehung zu diesem Archetyp erforschen möchtest, sind hier einige Fragen, mit denen ich mich selbst auseinandergesetzt habe und die wir in unseren Kreisen genauer erforschen:
- Wo in deinem Leben lässt du deine fürsorglichen Eigenschaften frei fließen – und wo hältst du sie zurück?
- Wie gut kannst du deine eigenen Bedürfnisse benennen und ausdrücken?
- Wie verbunden fühlst du dich mit deinem eigenen Körper?
- Gibt es Menschen in deinem Leben, denen du erlaubt hast, deine Großzügigkeit auszunutzen?
- Was wolltest du schon lange beginnen, schiebst es aber immer wieder auf?
- Welchen Groll hegst du noch gegenüber deiner eigenen Mutter – was konnte sie dir nicht geben, obwohl du es brauchtest?
- Kannst du Liebe und Fürsorge genauso leicht empfangen, wie du sie gibst?
Neben der kognitiven Auseinandersetzung mit diesem Thema kannst du deine innere Mutter auch über die Welt der Sinne erleben. Achte zum Beispiel darauf, welche Farben, Düfte oder Texturen dich grade am meisten ansprechen. Bewege deinen Körper frei zur Musik. Verbringe einfach unstrukturierte Zeit in der Natur, nimm alles ganz bewusst mit all deinen Sinnen auf, anstatt von A nach B ein Joggingprogramm oder andere Aktivitätten einfach abzuspulen.
Wo ich heute stehe
Ich glaube nicht, dass diese Arbeit jemals ganz abgeschlossen ist. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich in alte Muster zurückfalle – gebe, bis nichts mehr übrig ist, vergesse meine Bedürfnisse zu äussern, vergesse Grenzen zu setzen. Aber der Unterschied ist jetzt, dass ich es bemerke. Ich habe einen Rahmen und eine Praxis, um zu mir selbst zurückzukehren.
Genau das ist die Arbeit, zu der wir in unseren Frauenkreisen immer wieder zurückkehren – nicht als abstraktes Konzept, sondern als etwas, das wir gemeinsam ergründen, erfahren, und uns gegenseitig in der Praxis unterstüzten: mit Ritualen, in Bewegung, im Redekreis, wo alle ohne Urteil gesehen werden. Wenn irgendetwas davon Resonanz findet, würde ich mich freuen, wenn du auch an einem unserer Kreise teilnehmen würdest.
Mit Dankbarkeit
An meine Mentorinnen und Lehrerinnen — das Rote Zelt und Deva Pathways, wo meine Reise begann, sowie das Institute of Feminine Arts, wo ich derzeit meine Studien in ihrer Feminine Mystery School vertiefe.
Weiterführende Ressourcen
